DER EISBECHER in der Gelateria Roma schmolz allmählich dahin. Hüseyin rührte ihn nicht an. Obwohl seine Söhne darauf bestanden hatten. Süßes beruhige die Nerven. Doch Hüseyin konnte nichts essen. Denn direkt gegenüber, hinter den mit dicken Ketten verschlossenen rostigen Stahltoren des alten Straßenbahndepots in der Belziger Straße, befand sich sein Wagen.
   Straßenbahnen fuhren hier schon lange keine mehr. In den sechziger Jahren waren sie abgeschafft worden, zugunsten von Omnibus- und U-Bahnlinien – zumindest im reichen Westen. Der Ostteil der Stadt dagegen hatte sich einen derartigen Wechsel der Verkehrspolitik nicht leisten können. Dort fuhren sie noch immer, die guten alten Straßenbahnen, umweltfreundlich und ganz ohne Schadstoffe – manchmal war Armut eben doch zu etwas gut.
  Heute diente das Depot der Berliner Polizei als Sammelstelle für sichergestellte Kraftfahrzeuge. Dicht an dicht standen hier verlassene Unfallwagen und Dubletten, die aufgemotzten Schlitten von verhafteten Zuhältern und Dealern, die Fluchtautos irgendwelcher Bankräuber und Gangster.
   Und Hüseyins Mercedes, eine E-Klasse mit allem Drum und
Dran. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte der Blumenhändler jeden Pfennig umgedreht, um sich diesen Wagen leisten zu können. Der Traum hatte ihn ein Vermögen gekostet. So was fuhren sonst nur Chefs.
  Unruhig sah Hüseyin rüber zum Heinrich-Lassen-Park. Sein Sohn Cemir hatte dort auf einer Parkbank Stellung bezogen und ließ die Kfz-Sammelstelle nicht aus den Augen. In seiner Sporttasche lag ein starker Bolzenschneider. Wenn es so weit war, wollte er damit zügig die Ketten trennen, mit denen das Tor zum Depot verschlossen war.
   Orhan war in der Gothaer Straße verschwunden. Dort war weniger los als auf der Belziger Straße, und es gab hohe Bäume, in deren Schatten man unauffälliger die alten Backsteinmauern überwinden konnte, die das Depot zu allen Seiten hin umschlossen.
    Hüseyin war nervös. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man der Polizei einfach so ein Auto unter den Augen wegstehlen konnte.
    Was, wenn sie erwischt wurden?
   Unsinn, hatten ihn die Söhne beruhigt. Zum einen stahlen sie ja kein Auto, sondern holten sich nur ihr Eigentum wieder. Und zum anderen sei das Depot am Wochenende kaum besetzt. Eine Behörde habe samstags in der Regel frei. Das gelte auch für die nachrangigen Dienststellen der Polizei.
   Tatsächlich lag das Depot ziemlich verlassen in der frühen Nachmittagssonne, und es waren weder Wachleute noch Polizisten zu sehen.
 

   Trotzdem hatte Hüseyin Angst. Angst um sich und seine Söhne. Er war schließlich kein Gangster. Er war nur ein Mann, der dringend seinen Wagen brauchte.


Die Probleme begannen damit, dass die Mauer, über die Orhan klettern wollte, keine Mauer war, sondern ein Gebäude. Plötzlich fand er sich auf dem Dach irgendeines Schuppens wieder, der von außen zwar wie eine Begrenzungsmauer ausgesehen hatte, in Wirklichkeit aber das Quartier des diensthabenden Hauptwachtmeisters war, der an diversen Überwachungsmonitoren vor sich hin döste.
     Damit stand Orhan auch schon vor dem zweiten Problem, denn das ganze Scheißgelände wurde mit Kameras überwacht, sogar die Dächer! Flugs warf er sich auf den Bauch und robbte zur Dachkante.
    Dort sah er das dritte Problem: Über Nacht waren neue sichergestellte Fahrzeuge hinzugekommen und hatten den Mercedes des Vaters komplett zugeparkt. So konnte Orhan zwar gut versteckt die Kralle abmontieren, mit der das rechte Vorderrad des Wagens immer noch blockiert war. Er hatte ja den Schlüssel dazu. Aber wie sollte er den Wagen dann wegfahren? Er war völlig eingekeilt von anderen Autos. Mindestens zwei Wagen mussten beiseite geschoben werden, bevor man den Mercedes da rausbekam. – Mist!
  Allahu akbar, dachte Orhan und entschloss sich zu besonderer Kreativität.


Polizeihauptwachtmeister Karsten Trauffetter starrte auf seine Bildschirme. Er hatte nur kurz weggesehen, weil er seine Stullen auspackte, und dennoch war es ihm vorgekommen, als hätte sich auf Monitor sieben etwas bewegt. Die Sieben überwachte die Dächer, und jetzt war dort nichts Ungewöhnliches mehr zu entdecken, obwohl Trauffetter die Kamera per Joystick aufmerksam hin und her schwenken ließ. Alles wie immer. Auch auf den übrigen Bildschirmen schien alles normal, weshalb sich der Wachtmeister bald wieder seiner Brotdose zuwandte.

    Vielleicht war es nur ein Vogel. Oder ein Eichhörnchen aus dem nahegelegenen Lassen-Park. Da gab es viele solcher Viecher. Mehrmals schon hatten sie die zentrale Alarmanlage ausgelöst, sodass man sie abschalten musste, weil Anwohner sich über den Krach beschwerten. Seit Monaten versprach der Senat, Mittel für eine modernere Anlage bereitzustellen. Einen Alarm, der nicht gleich auf größere Vögel und Eichkatzen reagierte, sondern nur auf wirkliche Gefährdungen. Aber der Senat versprach immer viel und hielt wenig. Bis hier eine neue Anlage installiert wurde, da war sich Trauffetter sicher, konnte es noch mehrere Wahlperioden dauern.
    Der Hauptwachtmeister schraubte seine Thermoskanne auf und trank einen Schluck. Der Tee war kalt, und das war gut so. Eiskalter Zitronentee; besser löschte nichts den Durst. Vor allem im Sommer. Deshalb füllte Trauffetter seinen Tee auch immer in die Thermoskanne. Damit er schön kalt blieb. Zwar hatten sie jetzt einen kleinen Kühlschrank hier, aber es war eben so eine Gewohnheit. Tee kommt in die Thermoskanne, im Sommer wie im Winter. Denn was heiß hält, hält auch kalt.

 

   Plötzlich klirrte im Hof etwas. Trauffetter reckte den Hals und ging zum Fenster. Das war doch nicht möglich: Irgendein Kerl mit sichtbarem Migrationshintergrund schob draußen die Autos hin und her. Der Wachtmeister traute seinen Augen kaum. Da, schon wieder: Der Typ schlug einfach die fahrerseitigen Scheiben ein, griff ans Steuer und schob die Fahrzeuge über den Hof, bis die Lenkradsperre einrastete. Der hatte sie ja wohl nicht mehr alle!

  Trauffetter setzte sich hastig die Dienstmütze auf und wollte dem Treiben draußen umgehend mit der uneingeschränkt respekteinflößenden Autorität eines deutschen Hauptstadtpolizisten Einhalt gebieten, doch er kam gerade bis zur Tür. Öffnen ließ die sich nämlich nicht.   

    Irritiert rüttelte der Hauptwachtmeister daran. Er hatte sich doch nicht eingeschlossen, das machte er nie. Klemmte sie? Durchaus möglich, die Tür stammte aus der Zeit, als hier noch Straßenbahnen fuhren. Eine alte Flügeltür, so ein hässliches Teil aus den sechziger Jahren mit draht-verstärkten Scheiben und Aluminiumrahmen.
    Wütend warf sich Trauffetter dagegen. Vergebens. Jetzt erst bemerkte er die quietschgelbe Parkkralle. Irgendwer hatte sie außen lautlos zwischen die beiden Griffe der Tür geklemmt und so den Eingang nachhaltig blockiert.
   Trauffetter war außer sich. Er schnappte sich das Telefon, um Verstärkung zu rufen, Alarm zu schlagen – irgendwas. Inzwischen wurde draußen ein sichergestellter Mercedes gestartet, ein nagelneuer Wagen, war gestern erst reingekommen. Darauf also hatten es die Täter abgesehen. Na wartet!
    Der Wachtmeister griff sich einen der Stühle im Raum und warf sie durch das geschlossene Fenster. Scheiben splitterten, und jetzt ging der Hausalarm los. Ein robuster alter Einbruchmelder mit ohrenbetäubender Klingel. Anschließend sprang der Wachtmeister selbst durchs Fenster, um mit vollen Körpereinsatz den Raub des Mercedes zu stoppen.


Hüseyin war erschrocken aufgesprungen und rannte aus der Eisdiele auf die Straße. Am Eingang des Depots drehten sich plötzlich gelbe Rundumleuchten, eine Alarmklingel schepperte laut und unüberhörbar. Er sah, wie Cemir von seiner Parkbank aufsprang, über die Belziger Straße wetzte und sich mit einem Bolzenschneider am Tor zu schaffen machte. Kurz darauf ging es auf, und Hüseyins Mercedes schoss reifenquietschend heraus, auf der Kühlerhaube ein zappelnder Polizist. Der Wagen stoppte scharf, fuhr mit durchdrehenden Rädern wieder an, stoppte erneut. Offenbar versuchte Orhan, den Beamten loszuwerden, doch der hielt sich wacker an den Scheibenwischern fest.
    »Haydi! Yallah, yallah«, brüllte Orhan, was in etwa so viel wie »Macht hin« oder »Los geht’s« bedeutet.
    Hüseyin rannte los und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Auch Cemir sprang in den Wagen. Orhan gab wieder Gas und raste, heftig hin und her lenkend, drauflos, bis der hartnäckige Bulle kurz vor der Kreuzung Martin-Luther-Straße endlich von der Motorhaube flog.
    Alle atmeten auf.