So konnte es nicht weitergehen. Siegbert Meyer wusste das. Seit Monaten, ach was, seit Jahren schon. Er fühlte sich in seinem Leben wie auf einer Party, zu der er nicht eingeladen
war und die er auch nicht verlassen konnte. Alles lief aus dem Ruder, und er kam nicht weg. Ein Alptraum war das, ein einziger Alptraum. Die Menschen hielten Geld für Glück und hatten jeden Anstand vergessen. Jeder versuchte nur noch, seinen eigenen Arsch zu retten. Es gab keine Moral mehr, die Sitten verfielen. Versprechen galten nichts mehr, und Gerechtigkeit war zu einem hohlen Lippenbekenntnis verkommen.
 

     Kurz und auf Deutsch gesagt: Die Kacke war mächtig am Dampfen, und das hatte nicht allein mit den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, sondern vor allem auch mit ihm selbst.
     Zu lange hatte er das nicht wahrhaben wollen. Zu lange hatte er versucht, gegen diese im Unterbewusstsein unaufhaltsam herankeimende Erkenntnis anzukämpfen. Nun ging es nicht mehr. Es hatte keinen Sinn, die Tatsachen zu leugnen. Ein Mann musste sich der Wahrheit stellen, und die hieß in seinem Fall: mit mir stimmt was nicht!
    Mit anderen Worten: Ausgerechnet er, Siegbert Meyer, hatte die Orientierung verloren. Er kam nicht mehr klar, stolperte durch das Leben wie ein Blinder durch einen Irrgarten und fand sich nicht mehr zurecht. Deshalb war er hier. Wozu gab es schließlich Fachleute?
   »Ich gehe davon aus, dass alles, was wir hier besprechen, vertraulich ist?«
       »Aber natürlich, Herr Meyer. Bitte, setzen Sie sich doch!«
       »Gibt’s hier keine Couch?« Meyer hatte das so in Filmen gesehen. Woody Allen lag immer auf der Couch, wenn er bei seinem Analytiker war.
     »Der Sessel dort ist sehr bequem. Und er lässt sich verstellen. Sehen Sie? Fast eine Liegeposition, sehr angenehm und entspannt.«
     »Ich bin nicht entspannt!« Meyer setzte sich auf die vorderste Kante des Sessels. »Auch nicht, wenn ich liege. Können Sie die Lehne wieder steiler stellen? Dann kann ich mich wenigstens anlehnen.«
        »Aber natürlich. – Besser so?«
      »Ja.« Meyer atmete tief durch. Er saß jetzt im Sessel. Aufrecht, die Lehne im Rücken. Und jetzt? Wie weiter?
        »Erzählen Sie von Ihren Problemen!«
     Na, das ging ja gut los. Wenn er wüsste, was seine Probleme waren, hätte er nicht diese überaus reizende Psychologin aufsuchen müssen. Und wie jung sie war, noch keine fünfunddreißig. Er bezweifelte, dass sie über genug Lebenserfahrung verfügte, um ihm wirklich helfen zu können. Allein ihre Ausstrahlung.  Wie ein junges Mädchen, das Ponys liebt. Aber das Leben war nun mal kein Ponyhof, wer wusste das besser als Siegbert Meyer? Das Leben, es war hart, verdammt hart, daran gab es nichts zu deuteln. Besonders seit der Wende.
       »Es ist kein Zuckerschlecken, sage ich Ihnen. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«
         »Vielleicht erzählen Sie erst einmal von sich, mhm?«
    »Mhm?«, echote Meyer irritiert. Was sollte dieses aufmunternde »mhm«? Er war schließlich kein Idiot, er brauchte kein »mhm«. Schon seit dem Kindergarten nicht mehr.
 

   Ratlos sah er die Psychologin an. Baier hieß sie, Dipl.-Psych. Susanne Baier – er war im Branchenbuch auf den Namen gestoßen und fand ihn passend: Siegbert Meyer und Dipl.-Psych. Susanne Baier. Ein hübscher Reim, jedenfalls ganz nett.
       »Mögen Sie Gedichte?«
    »Aber ja«, antwortete die Dipl.-Psych. lächelnd, »sehr gern. Hölderlin zum Beispiel.« Sie begann zu rezitieren: »Ihr holden Schwäne – Und trunken von Küssen – Tunkt ihr das Haupt – Ins heilignüchterne Wasser.«
       Meyer starrte sie an. »Aber das reimt sich nicht.«
       »Stört Sie das?«
      »Nein.« Meyer klammerte sich an den Sessellehnen fest. »Nein, gar nicht. Ich finde es nur interessant, denn Hölderlin würde heute wahrscheinlich auch zu Ihren Kunden gehören. Der Kerl war vollkommen wahnsinnig.« Er wedelte sich mit den Händen vor dem Gesicht herum. »Geistige Umnachtung hieß es damals.«
      »Halten Sie sich denn«, die Psychologin überlegte einen Moment, »für wahnsinnig?«
       »Nein. Sie?«
     Susanne Baier schüttelte lächelnd den Kopf. Sie wollte etwas sagen, doch Meyer kam ihr zuvor.
     »Aber Sie interessieren sich dafür. Der Wahnsinn ist Ihr Metier. Das haben Sie studiert.«
     »Psychologische Probleme haben nichts mit Wahnsinn zu tun«, stellte Dipl.-Psych. Susanne Baier klar, »sondern eher mit …«
    »Verlorenheit?«, fragte Meyer. »Ist es das? Die Leute kommen nicht mehr klar mit der Welt? Sie haben sich sozusagen geistig verirrt?«
      »Das gibt es sicher auch«, wich die Psychologin aus und
schlug – sehr reizvoll, wie Meyer fand – die Beine übereinander. »Aber sprechen wir von Ihnen. Fühlen Sie sich verloren?«
    »Moment!« Meyer hob die Hand. »Ich muss erst ganz sichergehen, dass nichts, aber auch gar nichts von dem, was hier besprochen wird, nach draußen geht. Das ist allein eine Sache zwischen uns beiden, abgemacht?«
       »Das versteht sich von selbst.«
       »Das sagen Sie so dahin …«
      »Aber nein!« Die Psychologin beugte sich vor und strich beruhigend über seinen Unterarm. »Sie müssen mir vertrauen. Wenn Sie mir nicht vertrauen, ist alles umsonst. Und außerdem gibt es eine ärztliche Schweigepflicht …«
       »… an die Sie sich halten?«
       »Natürlich. Ich muss mich daran halten.«
      »Auch wenn Sie gefoltert werden? – Nein!« Meyer sprang
entschieden auf und wedelte mit dem Zeigefinger. »Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie eine Folter überstehen würden. Das würde ich Ihnen nämlich nicht abnehmen. Niemand übersteht eine Folter, solche Helden gibt es nur Filmen. Im wahren Leben packen sie alle aus. Und wenn man Ihnen erst mal die Daumenschrauben angelegt hat, ist Ihnen auch Ihre Schweigepflicht egal und das, was wir hier heute untereinander abgemacht haben. Das hat dann alles keinen Wert mehr. Die Leute wollen ihren Arsch retten. Immer! Und sie haben Angst vor Schmerzen. Panische Angst.« Er setzte sich wieder und schüttelte den Kopf. »Nicht, dass Sie jetzt denken, ich wurde schon mal gefoltert. Das ist es nicht. Ich habe selbst auch noch niemanden gefoltert und kenne auch keinen, der schon mal gefoltert wurde. Es ist allein …« Er tippte sich gegen den Kopf. »… mein Instinkt, der mir sagt, dass Folter alles auflöst. Jedes Versprechen. Die Menschen verraten ja einander schon, ohne dass ihnen jemand droht. Einfach so. Aus Daffke, oder etwa nicht? Wegen eines klitzekleinen Vorteils vergessen sie ihren Anstand und ihre Ehre … – Warum sagen Sie denn nichts?«

      »Ich höre Ihnen zu.«
    »Und Sie machen sich Notizen. Dabei hatten wir doch gerade vereinbart«, Meyer begann, sich aufzuregen, »dass das hier zwischen uns bleibt!«
      »Ich mache diese Notizen doch nur für mich«, verteidigte sich die Psychologin. »Damit ich unser Gespräch später rekapitulieren, damit ich Ihnen helfen kann.«
      »Trotzdem!« Meyer nahm ihr das Notizbuch aus der Hand.
»Ich muss darauf bestehen. Nichts Schriftliches, klar?« Er riss eine Seite aus dem Notizbuch, zückte sein Feuerzeug und setzte das Papier in Brand. »Haben Sie keinen Aschenbecher?«
    »Nein.« Die Psychologin schüttelte den Kopf. »Wir rauchen hier nicht.«
    »Ich will auch gar nicht rauchen.« Meyer sah sich um. »Ich will das hier nur irgendwo – au!« Er schrie auf, ließ den brennenden Zettel auf den Boden fallen und trat hektisch darauf herum. »Sehen Sie? Sehen Sie! Jetzt ist ein Brandloch in Ihrem Teppich.  Mist!«
        »Halb so wild«, beruhigte ihn die Psychologin.
    »Ich wollte nur das brennende Papier ablegen. Aber wohin, wenn Sie keinen Aschenbecher haben?«
        »Ich sagte doch, es ist nicht schlimm.«
       »Ich habe mir die Finger verbrannt.« Meyer besah sich seine Hand. »Sie sollten sich einen Ascher anschaffen. Oder eine Blechdose, eine ganz simple, alte Blechdose. Die würde für solche Fälle reichen.« Er setzte sich wieder und holte tief Luft. »Ich wiederhole es noch mal, damit das ein für alle Mal geklärt ist: Keine Aufzeichnungen von unseren Gesprächen! Haben wir uns verstanden?«
        »Aber natürlich. Wenn Sie das möchten.«
    »Das möchte ich nicht nur, das ist eine zwingende Grundlage für unsere Zusammenarbeit.« Meyer sah seine Psychologin eindringlich an. »Sonst werde ich die Konsultationen unverzüglich abbrechen müssen. Kein Wort nach draußen! Keine Aufzeichnungen! Nichts Schriftliches! Ist das klar?«
       »Ganz klar.«

     »Gut.« Meyer seufzte und rutschte auf seinem Sessel herum. »Jetzt können wir die Lehne, glaube ich, doch ein bisschen zurückstellen.«
       »Beim nächsten Mal.« Dipl.-Psych. Susanne Baier erhob sich und strich ihren Rock glatt. »Für heute ist unsere Gesprächszeit um.«
       »Was? Schon?«
       »Sie hatten nur fünfzehn Minuten vereinbart. Wegen der
Kosten.«
       »Aber …« Meyer guckte verblüfft. »Wir haben doch noch gar nicht richtig angefangen.«
      »Oh doch, Herr Meyer, das haben wir. Ich fand es sogar sehr gut.«
     »Fanden Sie?«
     »Aber ja.« Sie drückte ihm die Hand und führte ihn zur Tür.
»Das war ein sehr guter Anfang und eine echte Basis für weitere Gespräche. Die Kollegin draußen macht Ihnen einen Termin.« Sie lächelte ihn an. »Und überlegen Sie es sich! Vielleicht ist eine halbe Stunde doch nicht zu teuer für Sie. Oder eine Stunde. Dann dauert Ihre Therapie auch nicht so lang. – Wiederschaun.«
      »Wiederschaun«, echote Meyer und verließ den Raum.
    Die Psychologin schloss die Tür hinter ihm, lief eilig zu ihrem Schreibtisch und begann, sich erneut Notizen zu machen.
    Interessanter Fall, dieser Meyer. Ein sehr interessanter Fall.