Obwohl wir uns auf Nebenstraßen und Schleichwege konzentrieren, ist es nicht einfach. In Hünerbeins neun Jahre altem 250ger Mercedes kämpfen wir uns durch die völlig zugestaute, im Smog versinkende Martin-Luther-Straße, eingekeilt zwischen knatternden Trabis und anderen sonderbaren Mobilen der sozialistischen Autoindustrie. Andererseits erstaunen auch die vielen Golfs, Volvos und Fiats mit ostdeutschen Kennzeichen. Die gehören wahrscheinlich irgendwelchen Bonzen, Militärs und Stasileuten, die den Westen jetzt unterwandern ...      

    »Unterwandern ist Blödsinn.« Hünerbein drückt die Hupe, um ein paar steppjackenbewehrte Schnurrbartträger aus ihren Träumen zu wecken. Sie sind aus einem Sexshop gekommen, stehen, in ihre Pornoheftchen vertieft, mitten auf der Hauptstraße und rühren sich erst mit Verzögerung.

    »Unterwanderung bemerkt man nicht«, doziert Hünerbein, »das passiert heimlich, sozusagen im Verborgenen. Und selbst wenn Unterwanderung stattfände, sie würde nichts nutzen, denn das, was wir im Augenblick erleben, ist das Ergebnis des Volksaufstands im Osten – der völlige Zusammenbruch eines Regimes. Exodus, verstehste? Die Leute retten sich auf die freie Seite der Welt.«

  Na denn: Willkommen, Exoden! Ich sehe die Menschenschlangen vor den Bankfilialen am Innsbrucker Platz und erinnere mich, dass sie im Fernsehen gesagt hatten, ab sofort würden die Banken auch samstags und sonntags öffnen, um den Massenansturm zu bewältigen. Jeder Ostdeutsche hat Anspruch auf einhundert Deutsche Mark Begrüßungsgeld, trotz horrender Staatsverschuldung und Milliardendefiziten im Bundeshaushalt.

    Keine Ahnung, wie viele DDR-Bürger es gibt, vielleicht zehn oder zwanzig Millionen? Auf jeden Fall steuern wir dem Bankrott entgegen. Dem Ausverkauf des Landes und kein Bund der Steuerzahler protestiert.

    »Du lieber Himmel, wir erleben hier gerade ein Wunder.« Hünerbein lässt die Kupplung schleifen. »Gott höchstpersönlich hat eingegriffen in den Lauf der Geschichte. Da fragt man nicht, was es kostet.«

    Dieser religiöse Aspekt am Wesen Hünerbeins ist mir neu. Andererseits hat er nicht ganz unrecht, denn das, was seit zwei Tagen mit uns geschieht, ist alles andere als normal. Noch am Donnerstag hätte jeder seriöse politische Kommentator ein derartiges Szenario als komplett unsinnig verworfen. Der eiserne Vorhang und die Berliner Mauer sind Realitäten, deren Bestand seit Jahren niemand mehr anzweifelt – denn alles andere bedeutet Atomkrieg. Und plötzlich...

    »Als hätte jemand der Welt einen Tritt gegeben.« Ergriffen wischt sich Hünerbein eine Träne aus dem Gesicht und stoppt seinen Mercedes vor der Notaufnahme des Friedenauer Auguste-Viktoria-Krankenhauses.

 

Auch hier herrscht Hochbetrieb. Permanent stoppen blaulichternde Ambulanzen mit Alkoholvergiftungen, Beinbrüchen, Quetschungen und Verbrennungen mit Feuerwerkskörpern.

  »Hünerbein, Kripo Berlin.« Der Kollege wedelt geschäftsmäßig mit seinem Dienstausweis herum und führt mich vor, wie eine Jahrmarktsattraktion. »Das ist Hauptkommissar Knoop, er muss dringend genäht werden, wir müssen gleich wieder raus.« Er schnappt sich einen gestressten Arzt. »Doktor, können Sie das bitte zügig erledigen? Wir haben wirklich zu tun!«

     »Wir auch, das sehnse ja«, erwidert der Arzt genervt und will sich los machen, doch Hünerbein hält ihn einfach fest.

    »Na, na, wir wollen uns doch nicht den Kittel zerreißen, oder?«

   Wenn die Blicke des Arztes hätten töten können, wäre Hünerbein sicher leblos zu Boden gesunken. So aber bleibt es beim Blick, und der Doktor gibt klein bei.

    Ich bekomme eine kühlende Kompresse aufs Auge, die Lippe wird fixiert und mit ein paar Stichen genäht. Das Ganze dauert keine zehn Minuten.

    »Mittwoch in zwei Wochen kommen Sie wieder«, sagt der Arzt, »dann werden die Fäden gezogen. – Und tschüß die Herren, der Nächste bitte!«

   

Kurz darauf hängen wir wieder im Stau. Wir stehen auf der Saarstraße Richtung Stadtautobahn, und nichts bewegt sich mehr.  Wohin das Auge sieht: Autos, Autos, Autos ...

    »Hier ist alles dicht«, stellt Hünerbein fest und schaltet das Radio ein, um die ohnehin aussichtslose Verkehrslage abzuhören. Sämtliche Hauptstraßen sind blockiert, und die Ansagen der Reporter erschöpfen sich in Aufrufen, den Wagen stehen zu lassen und die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.

     Ich wundere mich einmal mehr darüber, woher die ganzen Fahrzeuge kommen. Bei meinen zugegeben seltenen Besuchen in Ostberlin war mir immer aufgefallen, dass es dort kaum Autos gab. Und jetzt bringen sie den Verkehr fast völlig zum Erliegen? Das kann nicht mit rechten Dingen zu gehen.

    »Ich sag's dir, Hünerbein. Der ganze Mauerfall ist eine Verschwörung der Russen.«

     »Wann warst du denn in Ostberlin?« Hünerbein hupt und versucht vergeblich, die Spur zu wechseln.

   »Dreiundsiebzig«, antworte ich und denke an Siggi. Obgleich ich lieber von Moni träumen würde.

   »Das ist ja mindestens fünfzehn Jahre her«, stellt Hünerbein fest.

     »Sechzehn.«

  »Naja, inzwischen hat sich der Osten halt auch motorisiert.« Hünerbein hupt erneut und flucht. »Mensch, siehste denn nicht, dass ich hier rüber will? Junge, Junge, die fahren ja wie die Bekloppten. Warte mal, das machen wir anders!« Er greift ins Handschuhfach, holt ein Blaulicht heraus und knallt es aufs Dach. »Woll'n wir doch mal sehen!«

    Blaulichternd und mit eingeschaltetem Martinshorn orgelt er rechts über den Radweg an den sich stauenden Fahrzeugen vorbei. Aber wir müssen auf die Spandauer Seite der Havel, und bei dem Verkehr kann das selbst mit Blaulicht eine Tagesreise werden. Schneller ginge es mit der Wannsee-Fähre. Aber wie dort hinkommen? Die AVUS meldet Stillstand und auf der Königsstraße soll, laut Verkehrsfunk, seit Öffnung der Glienicker Brücke nach Potsdam die Hölle los sein.

    Per Funk rufe ich die Zentrale, denn auf der Wannseeinsel Schwanenwerder gibt's eine Station der Wasserschutzpolizei, und wenn die uns mit einem ihrer Boote nach Kladow rüber schippern könnten ...

    »Sardsch, du bist ein verdammt cleverer Beamter«, lobt Hünerbein meinen Vorstoß und biegt mit quietschenden Reifen in eine Seitenstraße ab.