das Buch
die Story
Leseprobe
Was sagen die Kritiker?
der Autor
Bestellen / Kaufen
Impressum
Links
 


... ist zwar kaum der rechte Club für saufende Mittvierziger, aber ich mag den Laden. Zwar ist mir der Motown-Sound der frühen Jahre lieber, doch die schönen Leiber der Mädchen, die sich zu den schnellen, elektronischen Beats auf der Tanzfläche wiegen, entschädigen mich sogar für das unablässige Gefasel, mit denen mir Siggi alkoholselig das Ohr abzukauen droht.
    Und ich stelle mir Monika vor: in engen Jeans und über dem Bauch zusammengeknoteten Blauhemd tanzt sie zu Dr. Mottes House Music.
    »Na Mensch, inzwischen muss sie ja auch bald vierzig sein«, vermutet Siggi und nickt mit dem Kopf im Rhythmus der wummernden Bässe.
    Wie ein Huhn, denke ich, fehlt nur noch, dass er gackert.
    »Verstehste, ich habe sie geliebt«, fängt Siggi wieder an, »nie wieder habe ich jemanden so geliebt. Klar, ich kannte sie erst 'ne Woche, aber das war egal, verstehste? Völlig egal. Vom Fleck weg geheiratet hätte ich die. Sofort, ohne Diskussion.«
    Ich beobachte ein junges Mädel. Es schüttelt das lange, dunkle Haar und bewegt sich seltsam retardierend zur Musik. Wie in Zeitlupe. Wahrscheinlich steht die Kleine unter irgendwelchen Drogen. Und sie trägt ein nettes, enges T-Shirt, das sich über den Brustwarzen faszinierend spannt.
    »Moni war für mich sozusagen the one and only«, greint Siggi, »die oder keine. Das wär's gewesen, ehrlich. Ich bin bis heute nicht verheiratet, weil ich jede Frau, der ich begegnet bin, mit uns'rer Moni verglichen habe.«
    Bei »uns'rer Moni« stößt er mir kumpelig in die Seite, dass ich beinah vom Barhocker falle, aber ich halte mich am Tresen fest.
    »Keine konnte ihr das Wasser reichen, keine.« Siggi nuckelt an seinem Gin Tonic wie ein Baby. »Es hat mir echt das Herz zerrissen damals. Als ihr einfach so abgeschoben seid. Das ging mittendurch, sage ich dir, das war so ein Schmerz ganz tief in mir drin ...«
    »Mensch, krieg dich wieder ein, Siggi.«
    Was nervt der Kerl jetzt rum? Wenn's wirklich so ernst mit der Liebe gewesen wär, hätte er doch Moni wieder ausfindig gemacht.
    »Hab ich ja versucht.« Siggi wedelt mit den Armen, als wolle er fliegen lernen. »Aber sie war verschwunden. Plötzlich weg, genau wie du. Überall bin ich rumgerannt, war beim Organisationskomitee und so ... Du, das war komisch«, wechselt er plötzlich den Ton ins Vertrauliche, »sagt schließlich der Long Tom zu mir – kannste dich noch an den Long Tom erinnern?«
    Null. Wer zum Teufel war Long Tom?
    »Na, der Typ vom Organisationskomitee, dieser Hundertfuffzich-prozentige, der wusste doch immer ganz genau wo's langgeht – jedenfalls sagt der plötzlich zu mir: Du Siggi, ganz im Vertrauen, aber es ist besser, du fragst nicht mehr nach denen, klar? Vergisses einfach, okay? Und sein Ton hatte plötzlich so 'ne Schärfe, richtig aggressiv, sage ich dir.« Siggi schüttelt den Kopf. »Verstehste das? Wieso wird der aggressiv, wenn man ihn nach Moni fragt?«
    Naja, denke ich, immerhin war sie mit einem Staatsfeind zusammen. Wenn auch nur drei Tage.

    Und Nächte, vor allem die Nächte, sommerlich warm auf dem Friedrichshainer Trümmerberg. Über uns funkelten die Sterne, und meine Unterwäsche fiel auf. Schiesser. Moni kicherte. Von der Oma im Westen, oder was? Sie schmiegte sich an mich, knabberte an meinen Ohren und sprach von dialektischen Widersprüchen. Das Problem war nicht, dass ein FDJler Schiesser trug. Das Problem war, dass man sich in der DDR nicht in der Lage sah, so sexy Unterhosen für die Jugendfreunde herzustellen. Stattdessen gab es Feinripp aus China. Wieso eigentlich?
    Ich dachte daran, mich bei meinem nächsten Einsatz im Osten mit chinesischen Unterhosen einzudecken. Vorerst aber galt es, zu ver-schwinden. Die Sache hier wurde allmählich zu heiß.
    Es war der letzte Tag der Weltfestspiele. Die Nacht hatte man unter dem Ostberliner Fernsehturm verbracht. Es war schön. Viele Leute waren da, hatten Gitarren dabei, man trank und sang gemeinsam »Sag mir, wo die Blumen sind« und »Venceremos«, wir werden siegen.
    Für den Vormittag war eine große Abschlusskundgebung auf dem Marx-Engels-Platz geplant. Tausende Leute formierten sich, penibel organisiert in Marschblöcken, und Moni wollte unbedingt wissen, wo ich hingehörte, damit sie mich später wiederfand. Aber für einen Dieter Knoop gab es keinen Marschblock. Ich war nirgendwo registriert im Lande der Registrierten, und bevor das auffiel, musste ich weg sein. Unter dem Vorwand, mal kurz aufs Klo zu müssen, verabschiedete ich mich und verschwand im allgemeinen Trubel in einer Nebenstraße, die hinter der Universität zum Bahnhof Friedrichstraße führte. Dort hatte ich in einem Schließfach meine Reise- tasche deponiert. Mir ging mächtig die Muffe. Permanent hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Selbst der Klomann auf der Bahnhofstoilette machte mir Sorgen. Aber wenn er wirklich von der DDR-Staatsicherheit bezahlt wurde, machte er seinen Job schlecht, denn er bemerkte nicht, dass aus dem Magdeburger Jugendfreund Dieter, als der ich die Toilette betreten hatte, beim Hinausgehen der Westberliner Tourist Hans Dieter Knoop geworden war.
    Eilig ging ich an wartenden Wolga-Taxen vorbei auf die Ausreisehalle zu. Moni hatte mir erzählt, dass der Volksmund das Ding Tränenpalast getauft hatte. Wegen der Tränen, die da flossen, wenn sich die Liebenden aus Ost und West voneinander verabschiedeten.
    Und plötzlich stand sie vor mir. Als hätte sie es geahnt. Sie starrte mich an, und ich kam nicht an ihr vorbei. Nicht an diesen schönen, dunklen Augen. An diesem Blick. Nicht an ihrer Ratlosigkeit. Ich nahm sie in den Arm, versuchte mich in den wenigen Augenblicken, die uns noch blieben, zu erklären, doch Moni fing plötzlich an, verzweifelt auf mich einzuschlagen.
    »Das kannst du nicht machen«, rief sie immer wieder, »du verdammter Mistkerl, das kannst du nicht mit uns machen!«
    Bis zur Passkontrolle rannte sie mir nach. Dann wurde sie von zwei Vopos gepackt und fortgezerrt. Ich habe Monikas Schreie heute noch im Ohr. »Lasst mich los! Das kann er nicht ... das kann er doch nicht einfach machen ...«
    Nie wieder im Leben hab ich mich so schlecht gefühlt. Und mir wird heute noch übel, wenn ich daran denke.

Siggi starrt mich an. »Da warste aber eiskalt, was?«
    Was heißt eiskalt? Ich hatte keine andere Wahl.
    »Das hätte ich nicht gebracht.« Siggi rutscht fassungslos vom Barhocker. »Nie im Leben hätte ich das gebracht.«
    »Natürlich hätteste das gebracht«, widerspreche ich, »Mann, ich hatte Schiss! Wenn die spitzgekriegt hätten, dass mich der Verfassungsschutz eingeschleust hat, wär' Schluss gewesen!«
    »Verfassungswas?« Siggi reißt die Augen auf: »Hör mal, was für einen Mist erzählst du hier eigentlich?«
    Hat es dieser Blödmann noch immer nicht geschnallt? Wozu noch leugnen? Sechzehn Jahre sind seitdem vergangen, und wir befinden uns auf sicherem Terrain. Das hier ist Schöneberg, klar? Freies Westberlin, zumindest bis gestern.
    »Ich tauge nicht zum Agenten«, erkläre ich Siggi, »das ist mir damals klargeworden. Dann lieber normal als Bulle Streife schieben in Neukölln. Das ist zwar weniger spektakulär, aber das Gewissen schlägt nicht so auf den Magen durch.«
    »Gewissen?« Siggi ist außer sich. »Was für'n Gewissen? Ausgehorcht haste uns«, spult er sich auf, »'n Westspitzel, ich glaub's nicht.«
    »Mann, so waren halt die Zeiten, Vietnamkrieg, Münchner Olympia-Attentat und ihr macht kommunistische Weltfestspiele! Ist doch klar, dass wir wissen wollten, was da läuft bei euch.«
    »Na sicher, ist ja ganz normal.« Siggi fällt das Gin-Tonic-Glas zu Boden, aber er achtet nicht drauf, und seine Stimme kriegt einen seltsamen Unterton. »Alles völlig normal. Merkt ja keiner, wie normal das alles ist, – oder?«
    Das »oder« kommt merkwürdig laut und aggressiv, und innerlich spüre ich, dass dieser Siggi der falsche Mann für das Gespräch ist und die Turbine Rosenheim der falsche Ort. Wie gern hätte ich Moni das alles erklärt und ihre Wut ertragen, aber nicht diesen Typen. Was spielt der sich auf?
    »Scheiße«, brüllt Siggi, »ist dir eigentlich klar, was du Moni angetan hast? Ist dir das eigentlich klar?!«
    »Ach, leck mich doch am Arsch.«
    Völlig unvermittelt bekomme ich jetzt wirklich eins auf die Nase. Siggis rechte Gerade trifft mich mitten ins Gesicht, dass es kracht. Im Fallen reiße ich ein paar Gläser mit, und der Barkeeper flitzt erschrocken um den Tresen herum.
    »Hey, relax, ihr zwei, okay? Ich will hier keinen Ärger!«
    Er hilft mir hoch, doch Siggi stößt den Barmann achtlos beiseite und drischt weiter auf mich ein. Wieder gehe ich zu Boden, doch diesmal bin ich vorbereitet und leite den Gegenangriff mit einem gezielten Fußtritt ein, der Siggi aus dem Gleichgewicht bringt. Ein paar Mädels schreien auf.              Wir wälzen uns herum, und ich bekomme ein paar Schläge in den Magen, die mir für Minuten die Luft rauben. Dennoch versuche ich, noch ein paar Treffer zu landen, doch plötzlich sind lauter Typen da, die an uns herumzerren, um uns zu trennen.
    »Holt doch mal einer die Bullen«, keucht jemand, »los! Ruft die Bullen!«
    »Nicht nötig«, röchle ich mühsam und halte meinen Kripoausweis hoch. Doch der interessiert keinen mehr, und deshalb lande ich draußen vor der Tür auf der Kühlerhaube eines parkenden Autos.
    »Du hast ab sofort Hausverbot«, ruft irgendwer, und eine Tür fliegt etwas zu laut ins Schloss.

    Frische, eiskalte Luft. Im Wetterbericht hatten sie Nachtfrost angesagt. Er kühlt meine Wunden. Ich drehe mich auf den Rücken und bleibe auf der Motorhaube liegen. Es ist ganz angenehm so. Ich höre das Wummern der Bässe aus der Turbine: boum-boum-boum – boum-boum-boum ...           Am Himmel ein paar explodierende Feuerwerkskörper und das Sternbild, das man immer sieht, wenn in Berlin der Himmel klar ist. Der »Große Bär« oder »Große Wagen«. Wenn man dessen Achse um das Fünffache verlängert, könnte man den Polarstern sehen. Wenn er nicht gerade von einem Haus verdeckt wird.
    »Hier! Rauch erstmal eine!«
    Irgendwer hält mir eine glimmende Zigarette hin. Erst jetzt bemerke ich, dass überall debattierende Grüppchen auf der Straße stehen. Die gesell- schaftliche Situation in Ost und West wird klassenübergreifend diskutiert. »Bei euch ist och nich allet Jold, wat jlänzt, oda?« – »Ganz im Gegenteil, wir sind bis über beide Ohren korrumpiert.« – »Lieba korrumpiert vom Wohlstand, als revolutioniert vonne Russen!«
    Ich inhaliere gierig, muss husten und spucke Blut.
    Und einen Zahn. Shit, ausgerechnet ein Schneidezahn. Ich werde mir das Grinsen abgewöhnen müssen.
    Aber im Augenblick habe ich ohnehin nicht viel zu lachen, denn eben geht die Tür zur Turbine erneut auf, und ein sich heftig wehrender Siggi landet ebenfalls auf der Straße.
    »Ihr verdammten Schweine«, brüllt er.
    Ich rapple mich auf und sehe zu, dass ich wegkomme.
    »Warte, Dieter«, schreit Siggi, »du Arsch, wir sind noch nicht fertig miteinander!«
    Aber ich habe genug. Siggi hat mir einen zu harten Schlag. Ich fliehe. Ich renne, so schnell ich kann.

Ich habe Glück. Und entkomme. 

 
  Top